Tag 8

Das Licht, von dem Johannes schrieb, kam nicht nur in die dunkle Weihnachtsnacht. Es wurde Mensch. Jesus wurde Mensch und lebte etwa 33 Jahre auf der Erde. In seinem Leben machte er es sich zur Aufgabe, besonders den Menschen zu begegnen, die von Finsternis umgeben waren. Denen, die sich nach neuer Hoffnung sehnten. Es zog ihn zu den Menschen hin, denen nicht viel Leben zuteilwurde. Zu Randgruppen, zu Ausgestoßenen, Kranken, zu Menschen, um die der Rest der damaligen Gesellschaft einen großen Bogen machte. Ihnen wurde er zum Licht. Er begegnete ihnen mit Liebe und Annahme und verbrachte gerne Zeit mit ihnen. Viele heilte er, vergab ihnen ihre Schuld, sprach ihnen neuen Wert zu und er lehrte sie, was es bedeutete, mit diesem Licht zu leben. Aber Jesu Leben war mehr als nur ein kurzer Ausflug in unsere menschliche Finsternis, um uns ein paar Stunden des Lichts, der Hoffnung zu schenken. Die Hoffnung, die Jesus brachte, ist viel grundlegender. So wie Johannes sich bei der Geburt von Jesus auf die Schöpfung bezog, wird deutlich, dass er mit »Licht« nicht irgendein Licht meinte. Er sah in Jesus das Licht, das der Ursprung des Lebens selbst ist. Das wäre eventuell eine gewagte These, wenn es nicht Jesus selbst später bestätigt hätte: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, braucht nicht im Dunkeln umherzuirren, denn er wird das Licht haben, das zum Leben führt« (Johannes 8,12). Jesus ist dieses Licht, aus dem alles entstanden ist, das zum Leben notwendig ist, und das für immer besteht. Dieses Licht überwindet die Finsternis: »Die Dunkelheit konnte es nicht auslöschen« (Johannes 1,5).

Gott schenkt uns in Jesus eine Hoffnung über die Finsternis und den Tod hinaus. Es ist die Hoffnung darauf, dass wir bei Gott willkommen sind. Gott hat sozusagen in dieser Weihnachtsnacht ein Licht in sein Fenster gestellt. Indem er Jesus in die Welt sandte, um uns zu zeigen, dass er uns liebt und wir nach Hause kommen können. Jesus ist das Licht, das uns Menschen willkommenheißt. Dieses Licht zeigt Gottes Sehnsucht nach uns Menschen: Er ist nicht nur ein Lichtlein, ein unscheinbares Teelicht im mit Tannenzweigen und Schneeflocken beklebten Marmeladenglas, sondern das strahlende Licht, das die Finsternis nicht ergreifen konnte. Es ist noch heller als das überladene Weihnachtshaus mit mehreren Hunderttausend Leuchten, denn die Liebe ist nicht mit Kilowattstunden messbar. Bei Gott heißt es nicht »je schriller, desto besser«, sondern: mehr Licht = mehr Liebe! Stellen Sie sich einen jungen Mann vor, der in seiner Jugend einen großen Fehler begangen hat, den er nicht wiedergutmachen konnte. Er hat seine Familie und seinen Vater zutiefst verletzt und enttäuscht. Im vollen Bewusstsein über seine Schuld seinem Vater gegenüber, traute er sich seither nicht mehr zu ihm nach Hause zu kommen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater ihm wohl jemals verzeihen konnte. Trotzdem sandte er ihm einen Brief, in dem er seinen Vater bat, zu Weihnachten eine Kerze ins Fenster zu stellen, sollte er zu Hause noch willkommen sein. Nach langer Zeit überwand sich der junge Mann schließlich eines Weihnachtsabends und machte sich auf den Weg zum Haus seines Vaters. Nach bangvollen Stunden der Heimreise erblickte er tatsächlich schon von Weitem eine Kerze nahe dem Hause und durfte nun gewiss sein, dass die Reise nicht umsonst gewesen war. Doch beim Näherkommen erblickte er eine weitere Kerze und noch eine, und als er in die Einfahrt einbog, blieb er erstarrt und überwältigt stehen. Vor ihm tat sich ein riesiges Lichtermeer auf, das ihn vor dem Haus, am Haus und um das ganze Haus herum anleuchtete. Sein Vater schleppte gerade die nächsten Lichter in den Vorgarten, als er den Sohn sah. Er blieb stehen, ließ alles fallen und lief seinem noch immer erstarrten Sohn entgegen. Wie sonst hätte er seine sehnsüchtige Liebe und den tiefen Wunsch, dass der Sohn endlich nach Hause kommen würde mehr verdeutlichen können als mit einem alle Dunkelheit erhellenden Meer an Lichtern?

Der Vater wusste: mehr Licht = mehr Liebe. Die Weihnachtsgeschichte nach dem Johannesevangelium kann man wohl als »ganz besondere Weihnachtsgeschichte« beschreiben. In dieser Erzählung kommt nicht nur das Jesuskind in die Welt, sondern es wird deutlich: Der Vater will die ganze Welt zu sich nach Hause einladen. Und diese besondere Weihnachtsgeschichte gilt nicht nur wenigen, sondern allen Menschen. Gott stellt an Weihnachten ein Licht ins Fenster, um Ihnen zu zeigen, dass Sie willkommen sind. Sein Interesse an Ihnen ist so groß, dass er mit seinem Licht als Zeichen des Willkommenseins geradezu »eskaliert«, wie die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen. Und das alles, damit ja kein Zweifel aufkommen kann, dass das strahlende Licht genau Ihnen gilt. Bei all den Lichtern, die Ihnen in dieser Advents- und Weihnachtszeit begegnen, und wann immer Sie die vielen kreativ und wunderschön dekorierten, festlich erleuchteten Straßen, Häuser, Gärten und Fenster bewundern, erinnern Sie sich daran: Gott lädt Sie ein, nach Hause zu kommen. Keine Dunkelheit kann sein gewaltiges Licht ergreifen. Treten Sie ein. Sie sind willkommen, so wie Sie sind. Kommen Sie nach Hause und vergessen Sie nie: mehr Licht = mehr Liebe!

König, Oskar. 24 x Weihnachten neu erleben (German Edition) (S.61-63). SCM R.Brockhaus. Kindle-Version.